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Rezensionen gutingi 260 Klassik heute September 2018 Der Titel ist Programm: „Flügel und Trümmer“ ist diese Einspielung mit dem gleichnamigen Zyklus von Violeta Dinescu überschrieben. Die rumänische, 1953 geborene Komponistin lebte seit vielen Jahren in Deutschland, wo sie an der Oldenburger Carl von Ossietzky Universität Angewandte Komposition unterrichtet. Programm ist der Titel dieser CD, der auch einer der Titel der hier eingespielten Werke ist, insofern als Dinescus Musik nicht selten bruchstückhaft klingt. Trümmerstücke, Fetzen einer musikalischen Textur werden mit Momenten von eruptiver Brillanz und höchster Poesie verwoben. Es ist eine Musik der Extreme, die der rumänische Pianist Sorin Petrescu hier auf einem präparierten Flügel spielt, Musik, die sich üblichen Hörerwartungen entzieht, und die gleichwohl durch ihre Unmittelbarkeit und kompositorische Stringenz fasziniert. Leichte Kost ist sie dennoch nicht. Dinescu spielt mit Hörerwartungen ebenso wie mit instrumentalen und musikalischen Grenzen. Ihre Musik ist nicht selten eine Trümmerlandschaft, eine Ansammlung aus zerklüfteten Bruchstücken wie sie extremer kaum sein könnten. Dennoch fasziniert sie ungemein, das Hinhören lohnt sich. Das liegt nicht zuletzt an Sorin Petrescus ebenso kraftvoller wie differenzierter Interpretation. Der Pianist, der sich auch poetisch mit Dinescus Musik auseinandergesetzt hat, bleibt diesen Werken nichts schuldig, auch hier gilt: Ohren auf! Ungewohnte Höreindrücke verschafft nicht zuletzt der präparierte Flügel. Zu Details schweigt sich das Booklet leider aus, doch reicht die Palette von zarten Verstimmungen über kaum definierbare Sounds bis hin zu sphärischen Klängen, die geradewegs aus einem elektronischen Synthesizer zu kommen scheinen. Auch das lohnt ein genaues Hinhören allemal. Guido Krawinkel Deutschlandradio Dezember 2018 Violeta Dinescu gilt als Brückenbauerin zwischen
osteuropäischer Tradition und westeuropäischer zeitgenössischer Musik. In den
Jahren 2008 bis 2017 entstand ihr literarisch inspirierter Klavierzyklus
„Flügel und Trümmer“. Sorin Petrescu aus Bukarest hat ihn erstmals auf CD
eingespielt. Am Mikrofon: Yvonne Petitpierre „Aus dem Wunsch heraus, andere zu erreichen,
schreibe ich Musik“, äußert Violeta Dinescu im Rahmen eines Interviews. Die aus
Rumänien stammende Komponistin zählt inzwischen zu den bedeutendsten
Komponistinnen der Gegenwart. Ihr umfangreicher Werkkatalog reicht von
Instrumentalmusik über Chorliteratur, Filmmusik, Gesangs- und
Ballettkompositionen bis hin zu Opern für Kinder wie für Erwachsene. 1953 wird
sie in Bukarest geboren und studiert zunächst Komposition, Klavier und
Pädagogik am dortigen Konservatorium. Nach ihrem Abschluss übernimmt sie einen
Lehrauftrag an der George Enescu Musikschule. Erste Kompositionen entstehen und
1980 wird sie wegen ihrer außergewöhnlichen Begabung in den rumänischen
Komponistenverband aufgenommen, verbunden mit ersten Konzerten,
Rundfunkaufzeichnungen und Preisen. 1982 führt Dinescu ein Stipendium nach
Deutschland, wo sie seitdem lebt und unterrichtet. Lehrtätigkeiten führen sie
nach Frankfurt, Heidelberg, Bayreuth sowie in die USA. Seit 1996 arbeitet sie
als Professorin für Angewandte Komposition an der Carl von Ossietzky
Universität Oldenburg, wo sie eine eigene Vortragsreihe für junge
Komponistinnen eingerichtet hat. Darüberhinaus leitet sie ein Archiv für Neue
Musik mit dem Schwerpunkt Osteuropa. Schwebende Weite Ihrem elfteiligen Klavierzyklus „Flügel und
Trümmer“, der zwischen 2008 und 2017 entstanden ist, gilt heute die
Aufmerksamkeit. Der zunächst widersprüchlich anmutende Titel findet beim Hören
schnell seine Berechtigung und unterstreicht den programmatischen Hintergrund
der einzelnen Stücke. Um oberflächliche Bildhaftigkeit geht es Violetta Dinescu
dabei nicht, vielmehr unternimmt die Komponistin eine eingehende
Selbstreflexion – so Egbert Hiller, der im CD-Booklet diesen Werkzyklus unter
dem Aspekt der außermusikalischen Inspirationsquellen ambitioniert und
facettenreich begleitet. Der Verzicht auf eine Analyse kompositionstechnischer
Details zugunsten atmosphärischer Hintergrundinformationen, macht diese
Neuerscheinung über die konkrete Komposition hinaus zu einer wertvollen
Bereicherung. Violeta Dinescu versteht das Titel gebende
Begriffspaar als musikalische Bezeichnungen. Zum einen sind es Melodien und
Akkorde, die wie auf Flügeln beinahe schwerelos schweben. Konfrontiert werden
diese von Trümmern bzw. Fetzen – also Klängen, die weitgehend von Kargheit und
Düsternis gezeichnet sind. Sie signalisieren zudem eine Art Zertrümmerung
traditioneller Formen, die mit allzu starren Konventionen brechen. In diesem
Kontext wird für Violeta Dinescu Tonkunst auch zu einer Form von Zeitkunst. Was diesen Klavierzyklus auszeichnet, sind die
literarischen und kunsthistorischen Kontexte, in denen die kompositorische
Ausgestaltung stattfindet. Konkret bezieht sich Violetta Dinescu u.a. auf
Walter Benjamin und dessen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Darin geht
er auf das 1923 von ihm selbst erworbene Gemälde „Angelus Novus“ von Paul Klee
ein. Das Licht und seine Reflexe werden für das
Titelstück „Flügel und Trümmer“, das auch den Untertitel „Flugbilder 2“ trägt,
hörbar bestimmend. „Violeta Dinescus Musik setze hier zum Flug an, ohne sich im
Schwärmerischen zu verlieren und die Trümmer der Existenz auszublenden“, so
Egbert Hiller. Sorin Petrescu, Pianist dieser Einspielung auf
teilweise präpariertem Flügel, hat seine Assoziationen zu Dinescu’s
Klavierzyklus in eigene Worte gefasst, worin er unter anderem die Trümmer der
Vergangenheit thematisiert und fragt: „Alte Sachen. Veraltete Dinge, veraltete ...
einige schätzen wir. Antiquitäten, Kunstsammlungen, das Aufsuchen von Ruinen,
aber wissen wir, wie viel Leben sich dahinter verbirgt? Wir sehen nicht das
Leben, das gerade für uns zittert – ein zitterndes Licht, das sich immer weiter
entfernt.“ Sorin Petrescu, 1959 im rumänischen Timisoara
geboren, studierte in Bukarest. Sein Repertoire umfasst klassische und
zeitgenössische Musik sowie traditionelle rumänische Musik. Er ist Preisträger
zahlreicher Wettbewerbe in Rumänien, hat diverse CDs und DVDs eingespielt und
ist Pianist des rumänischen Trios Contraste, mit dem auch Violeta Dinescu eine
langjährige enge Zusammenarbeit verbindet. Erinnerungen Mit „...von wannen alle Strahlen stammen...“ – so
der Titel des 2. Stücks im Zyklus – greift Dinescu eine Zeile aus Friedrich
Rückerts „Kindertotenliedern“ auf. Im Zentrum steht ein vehementes Aufbäumen
gegen das Schicksal des Todes, den Rückert in seinem Gedicht auf eine kosmische
Ebene transferiert. Musikalisch gestaltet die Komponistin hier mit eher
kontemplativen Sequenzen und geräuschhaften Klängen. Eine der wichtigsten und frühen
Inspirationsquellen für das eigene Komponieren ist Dinescus erste Dozentin
Myriam Marbe, bei der sie ein Jahr intensiv studiert hat. Ihr verdankt sie nach
eigenen Aussagen, den Entschluss, als Komponistin zu arbeiten und kommt mit
einflussreichen Vertretern der rumänischen Musikszene in Kontakt. In ihren
Kompositionen integriert sie Formen der traditionellen Musik ihrer Heimat,
arbeitet mit klaren, oft mathematischen Strukturen und lässt den jeweiligen
Interpreten Freiraum für individuelle Gestaltungsmomente. Das Gedicht „Der uns die Stunden zählte“ von Paul
Celan steht jeweils mit einer Zeile Pate im dritten, fünften und sechsten Teil
des Zyklus. Vage Utopien und das Kreisen um Schatten der Vergangenheit
überträgt Dinescu auf Klangformationen, die von starken Kontrasten gezeichnet
sind. So treffen in der Nr. 4 „nicht kühler wird’s“ Passagen melodischer
Präsenz im Wechsel auf dumpfe oder perkussive Klänge. Feine Verästelungen Jedes einzelne Stück dieser eindrucksvollen
Einspielung fasziniert wegen einer tief berührenden Unmittelbarkeit und
poesievollen Klanggestaltung, wenn eruptive Passagen wieder in den Hintergrund
rücken. Es sind vor allem Bruchstücke der Extreme, die hier immer wieder
aufeinandertreffen und ein genaues Hören provozieren. Violeta Dinescu
konfrontiert mit einer Vielschichtigkeit, der man sich kaum entziehen kann. In den einzelnen Stücken wird deutlich erfahrbar,
wie unterschiedlich Dinescu es versteht, das Klangpotential des Flügels zu
nutzen, um den Hörer mit einer äußerst klangsinnlichen und differenzierten
Sprache zu verführen, wobei einzelne Strukturen nicht verschwimmen, sondern in
ihrer Eigenständigkeit gut für das Ohr nachvollziehbar bleiben. Das Gedicht „Ein Traum“ von Edgar Allan Poe
inspiriert Dinescu für drei weitere Stücke im Zyklus „Flügel und Trümmer“.
Dabei nutzt sie ausgewählte Textzeilen zur Betitelung, wobei deutlich wird,
dass Traum, Nacht und Licht den dramaturgischen Rahmen stecken, was auch über
subtile Wendungen teilweise nahezu physisch spürbar wird. Im ersten und längsten dieser drei Stücke „What
Thought That Light“ kreuzen und queren sich gegenläufige Stimmungen und
Figurationen, die sich „in immer neue Klang- und Lichtträume vorzutasten
scheinen“, so Egbert Hiller. Stille und Monumentalität Eine erneute literarische Anknüpfung schafft
Violeta Dinescu im 11. Stück „Von fern die Sternstunde geht“, das den
Klavierzyklus „Flügel und Trümmer“ beendet. Das Gedicht „Pont du Carrousel“ von
Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1902 kreist um Irrungen und Wirrungen des
menschlichen Geistes sowie Sinnsuche und Rilkes grundsätzliche Zweifel am
Menschen. Dinescu reflektiert diese Thematik mit sehr unterschiedlichen
Klangkonstellationen, die in Farbe und Form an Momente aus früheren Stücken
erinnern. Zugleich wird eine Atmosphäre des Abschieds spürbar, den sie über
zunehmend verschwindende Klänge gestaltet. Auch zu diesem Stück notiert Pianist Sorin
Petrescu sehr persönliche Assoziationen und spirituell geprägte Gedanken in
Erinnerung an seinen verstorbenen Vater: „Die Möwe durchmisst mit ihren Flügeln
die unendliche Weite des Raumes, sie beherrscht das unruhige Meer. Dann setzt
sie sich hin, klug wie sie ist, auf eine Ruine. Sie fühlt sie, sie kennt sie,
sie ist ihr lieb ... sie flöge nicht weg, wenn sie fürchte, den Weg zurück zu
vergessen. Mein Vater hatte Flügel. Erst jetzt, ohne Flügel, lernt er fliegen ...
ich glaube ... ich glaube an Gott, den Herrn!“ Mit diesen Worten nimmt Petrescu
auch Bezug auf eine Fotografie, die eine Betonkonstruktion am Meeresufer mit
einer Möwe im Anflug abbildet. Violeta Dinescu hat diese in unmittelbare
Beziehung zu ihrem Klavierzyklus gesetzt. Hier begegnen die Gegensätze von
Stille und Monumentalität, ein Begriffspaar, das sich auch in „Flügel und
Trümmer“ wiederfindet, auch wenn auf musikalischer Ebene keine direkte
Übersetzung in Klänge stattfindet. Trotzdem stiftet sie aber entsprechende
Assoziationen zwischen Emotion und Fantasie, ohne aufdringlich oder plakativ zu
werden. Das war zum Abschluss „Von fern die Sternstunde geht“ – aus dem Klavierzyklus „Flügel und Trümmer“ von Violeta Dinescu, den ich Ihnen heute als Ersteinspielung mit dem Pianisten Sorin Petrescu vorgestellt habe. Diese gut 70 minütige Aufnahme entstand im Sommer 2017 und ist kürzlich beim Label gutingi erschienen. Weitere Informationen hierzu können Sie im Netz unter www.charisma-cd.de finden. ACTUALITATEA MUZICALĂ Rumänien Oktober 2018 „Flügel und Trümmer“ – ein CD-Album von Violeta Dinescu ... ... umfasst einen Zyklus von elf Klavierstücken, die der bekannte Temeswarer Solist Sorin Petrescu, Gründer des Ensembles für zeitgenössische Musik „Trio Contraste“, interpretiert. Sie wurden 2018 im Saal der Banater Philharmonie in Temeswar aufgenommen. Violeta Dinescu, die seit 1996 als Professorin an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg (Deutschland) musikpädagogisch eine rege Tätigkeit ausübt, ist eine äußerst produktive Komponistin, die große Anzahl von veröffentlichten Alben ist bemerkenswert für eine zeitgenössische Komponistin klassischer Musik. Die Begriffe, die den Titel des Albums (der gleiche wie der erste Teil des Zyklus) bilden, sind Metaphern, „Flügel“ symbolisiert das sich Entfernen von den gefährlichen irdischen Anziehungskräften, während „Trümmer“ für die natürlichen Prozesse des Auflösens, der Desintegration steht, aber auch für die zerstörenden Kräfte wie der Krieg. „Flügel und Trümmer“ haben auch eine musikalische Konnotation: Die Melodien und Akkorde schweben wie auf Flügeln schwerelos durch den Klangraum, während die Trümmer sich auf das Verschlungene, das Düstere der Existenz beziehen. Im historisch-musikalischen Kontext verweisen sie auf die Zertrümmerung traditioneller Formen, die mit den allzu starren Konventionen brechen und sie in „moderne“ Musik verwandelt. Konkret bezieht sich Violeta Dinescu auf Walter Benjamins These in „Über den Begriff der Geschichte“, die er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verfasst hatte. Benjamin geht darin auf ein Bild von Paul Klee ein, das er 1921 erworben hat: „Es gibt ein Bild von Paul Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind aufgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Hier einige Zitate aus dem Vorwort zur CD von Egbert Hiller: – Im Prozess der Erarbeitung dieser Klavierstücke hat Sorin Petrescu eine Reihe von Assoziationen in drei eigenen Texten gefasst. Im ersten thematisiert er indirekt die Trümmer der Vergangenheit: „Alte Sachen. Veraltete Dinge, veraltete ... einige davon schätzen wir, die Antiquitäten, Kunstsammlungen, das Aufsuchen von Ruinen. Aber wissen wir, wie viel Leben sich dahinter verbirgt? Wissen wir, wie viel Leben wir vor uns haben, wie viel Licht wir noch ausstrahlen? Es gibt auch andere Sachen, die wir verachten: Wir werfen sie weg, verbrennen sie; jene, die vor uns gegangen sind, vergessen wir allmählich. Wir sehen nicht das Leben, das gerade für uns zittert – ein zitterndes Licht, das sich immer weiter entfernt.“ Zitterndes Licht und sein heller Widerschein charakterisieren das Stück Nr. 1. Von der anfangs milden Melancholie geht eine vor Inbrunst leuchtende Aura aus, die wie auf Flügeln, von Windböen verweht, über eine traumverlorene Trümmerlandschaft schwebt. Violeta Dinescus Musik setzt hier zum Flug an, ohne sich im Schwärmerischen zu verlieren und die „Trümmer“ der Existenz auszublenden. Ihre Klänge erinnern an bizarre Drachen, die mit der Erde durch lange Luftlinien verknüpft sind und „Flugbilder“, so auch der Untertitel, erzeugen. Fast alle Teile des Zyklus` entsprechen literarischen Quellen, die in Musik umgesetzt werden. – Im Stück Nr. 2, „... von wannen alle Strahlen stammen ...“ greift Dinescu eine Zeile aus Friedrich Rückerts „Kindertotenliedern“ auf: „Nun seh ich wohl, warum so dunkle Flammen“. In Rückerts Text ist der Tod unausweichlich, gleichzeitig transferiert er ihn auf eine kosmische Ebene, wie aus den letzten Versen des Gedichts ersichtlich wird: „Was dir nur Augen sind in diesen Tagen: / In künft'gen Nächten sind es dir nur Sterne.“ Violeta Dinescu gestaltet musikalisch die Auflösung der Grenzen mit kontemplativen Sequenzen, die den Hauptteil bilden, sowie aufgewühlenden Klängen. — Schläge – geräuschhafte Klänge aus dem Innern haben wohl Sorin Petrescu zu einem zweiten Textfragment inspiriert, das er „eine Art Dialog“ nennt: „Das Klavier ist kein Klavier mehr, es ist eine Ruine. Man kann darauf nicht mehr spielen, der Mechanismus ist kaputt, es klingt beleidigend, manchmal seltsam. Wir werden ein neues kaufen. Was geschieht jedoch mit dem alten? Es ist kein Platz mehr da für diese ,alte Schachtel`. Irgendwie müssen wir sie loswerden. Doch mir gefällt, wie sie klingt. So anders, wie ein Gedanke, der noch nicht in Worte gefasst wurde, wie eine wunderbare Erinnerung ... Doch seien wir ernst, das Klavier hat sein Leben gelebt. Ein anderes wird folgen.“ – Im „Abendgebet“ (Nr. 3) wird der Verlust in klanglich strahlende „Perlen“ umgewandelt, die letztendlich in Schweigen untergehen. Jedes der vierten, fünften und sechsten Teile des Zyklus entsprechen einem Fragment aus dem Gedicht „Der uns die Stunden zählte“ von Paul Celan: „Der uns die Stunden zählte, / er zählt weiter. / Was mag er zählen, sag? / Er zählt und zählt. // Nicht kühler wirds, / nicht nächtiger, / nicht feuchter. // Nur was uns lauschen half: / es lauscht nun / für sich allein.“ „Nicht kühler wirds“ (Nr. 4) ist von starken Kontrasten gekennzeichnet, die antiphonisch aufeinander reagieren: Passagen strahlender melodischer Präsenz treffen im Wechsel auf dumpfe, perkussive Klänge. „... nicht nächtiger“ (Nr. 5) kennzeichnet emphatische Akzente mit durchdringenden Figuren und schwierigen Akkorden, während die Klänge in „... nicht feuchter“ (Nr. 6) wie ein Paukenschlag wirken und diametral entgegengesetzt sind zur geheimnisvollen Welt der Geräusche in Nr. 7, „Uraltes Wehn vom Meer“. Inspiriert wurde die Komponistin von Rilkes Gedicht „Lied vom Meer“, das er am 26. Januar 1907 in Piccola Marina auf Capri geschrieben hat. Sie setzte das Stück an zwischen einem verfremdeten Nocturno und einer Unterwasserwelt mit abstrakten Tönen: „Uraltes Wehn vom Meer, / Meerwind bei Nacht: / du kommst zu keinem her; /wenn einer wacht, / so muss er sehn, wie er / dich übersteht: / uraltes Wehn vom Meer, / welches weht / nur wie für Ur-Gestein, / lauter Raum / reißend von weit herein ... / O wie fühlt dich ein / treibender Feigenbaum / oben im Mondschein.“ – Die Nummern acht, neun und zehn sind an Edgar Allan Poes Gedicht „A Dream“ angelehnt. „In dunkler Nächte Gesichten / träumte mir von versunkenem Glück,doch ein Traum vom Leben, dem lichten, / warf mich gebrochen ans Ufer zurück. // Ach, was gilt dem des Tages Traum, / dem alle Dinge rings nur senden / Blicke wie aus dunklem Raum, / erloschener Augen süße Spenden? // Dieser heilige Traum, heilig und teuer, / den alle Welt als töricht von sich weist, / hat mich erwärmt wie Liebesfeuer, meines Leitsterns einsamer Geist. // Was vor solchem Licht, / das durch Sturm und Nacht mir erzittert von so fern, / was könnte mit reinerem Strahle wohl bedacht / Wahres künden eines Tages Stern?“ Im längsten dieser drei Stücke „What Thought That Light“ kreuzen und queren sich gegenläufige Stimmungen und Figurationen, die sich in immer neue Klang- und Lichtträume vortasten. Gefasst knapp und bündig, erzählt „... So Trembled From Afar ...“ keine Geschichte über das Spazierengehen „durch Nacht und Sturm“, sondern eher von einem inneren, extrem bewegten Befinden, das durch unbändige Expressivität zum Ausdruck kommt. Das Motiv des „Erzitterns“, das in leuchtenden Noten und Notenwolken, die von Blitzen durchzogen werden, wiedergegeben wird, macht den Titel nahezu physisch spürbar. Den Klavierzyklus „Flügel und Trümmer“ beendet erneut eine literarische Anknüpfung. Violeta Dinescu wählte im 11. Stück „Von fern die Sternstunde geht“ das Gedicht „Pont du Carrousel“ von Rainer Maria Rilke aus, das er 1902 in Paris geschrieben hat: „Der blinde Mann, der auf der Brücke steht, / grau wie ein Markstein namenloser Reiche, / er ist vielleicht das Ding, das immer gleiche, / um das von fern die Sternstunde geht, / und der Gestirne stiller Mittelpunkt. / Denn alles um ihn irrt und rinnt und prunkt. // Er ist der unbewegliche Gerechte / in viele wirre Wege hingestellt; / der dunkle Eingang in die Unterwelt / bei einem oberflächlichen Geschlechte.“ Die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Geschlechts ist das Hauptthema des Gedichts, sein Suche nach Sinn und der Zweifel am Menschen. Violeta Dinescu reflektiert diese Thematik mit sehr unterschiedlichen Klangkonstellationen, deren Farbe und Form an Momente aus früheren Stücken erinnern. Zugleich wird eine Atmosphäre des Abschied spürbar, den sie über zunehmend verschwindende Klänge gestaltet. Im dritten und letzten Text „Flügel und Trümmer“ nahm Sorin Petrescu die Themen Abschied und Tod von neuem auf: „Die Möwe durchmisst mit ihren Flügeln die unendliche Weite des Raumes, sie beherrscht das gleichgültige Meer. Dann setzt sie sich hin, klug wie sie ist, auf eine Ruine. Sie fühlt sie, sie kennt sie, sie ist ihr lieb ... sie flöge nicht weg, wenn sie befürchten würde, den Weg nicht mehr zurückzufinden. Mein Vater hatte Flügel. Erst jetzt, ohne Flügel, lernt er fliegen ... ich glaube ... ich glaube an Gott, den Herrn!“ Diese sehr persönlichen Worte Petrescus, spirituell geprägte Gedanken in Erinnerung an seinen verstorbenen Vater, nehmen auch Bezug auf eine Fotografie von Alexander Bold. Auf ihr ist eine Betonkonstruktion am Meeresufer mit einer Möwe im Anflug zu sehen. Violeta Dinescu hat sie symbolisch mit dem Klavierzyklus „Flügel und Trümmer“ in Verbindung gebracht. Der Kunsthistoriker Helmut Orpel macht zwei Grundsäulen in den Fotografien von Alexander Bold aus: Stille und Monumentalität. Obwohl Violeta Dinescus Musik nicht „still“ und auch nicht „monumental“ ist, so fasziniert der Zyklus durch einen enormen Reichtum an Assoziationen und ein weites Spektrum an logischen klanglichen Verknüpfungen, deren Palette von zarten Verstimmungen über kaum definierbare Sounds bis hin zu Klängen reicht, die Emotionen und meditative Introspektion auslösen. George BALINT
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