Violeta Dinescu

Durch Verrat hindurch

Klassik heute Januar 2026

Den freien Umgang mit Klangmaterial und expressiven Ausdrucksmöglichkeiten kennen wir von Violeta Dinescu. Die rumänische Komponistin, die seit 1982 in Deutschland lebt und an der Universität Oldenburg lehrte, lässt uns durch regelmäßige Veröffentlichungen an ihrer künstlerischen Entwicklung teilhaben. Das hat immer auch mit Weiterdenken zu tun, oft auch mit Sich-neu-Erfinden.

Erweitertes Ausdrucksspektrum

Auf ihrer jüngsten Aufnahme „Durch Verrat hindurch" scheint der Umgang mit klingendem Material noch befreiter als zuvor. Noch vielfältiger werden die Perspektiven auf instrumentale Ausdrucksmöglichkeiten und Grenzüberschreitungen ausgelotet – und wo diese vielleicht sogar ausgereizt scheinen, da kommen tatsächlich Neuerfindungen von Instrumenten ins Spiel. Dorin Cuibariu steuert selbstgebaute Klangerzeuger bei: das Trăgulofon, einen ausgehöhlten Rankenkürbis mit Saxophonmundstück, und das Tromsax, eine Posaune mit Tenorsaxophon-Ansatz. Diese hybriden Wesen aus Natur und Artefakt fungieren als Gegenwelten, als Stimmen des Fremden und Unerhörten. Dabei wirken die verschiedenen „neuen" Instrumente gar nicht so exotisch, sondern als selbstverständliche Teile, um das Ausdrucksspektrum zu erweitern.

„Das Unerklärte, das bleibt“

Rezitativische Klarinetten-Erkundungen schälen sich aus dem brodelnden Tiefenuniversum des Flügels, Flageolett-Glissandi schweben darüber, höchste und tiefste Klangaktionen der Tastatur spannen weite Räume auf. Sprachlich artikulierte Momente wechseln mit improvisatorischen Skizzen über modalem Skalenmaterial – und dazwischen funken perkussive Ausbrüche, die sich zur geballten Wucht steigern können. Wenn andernorts Altsaxofon und Bassklarinette über imaginären Sphären aus dem Synthesizer schweben, geht das in Richtung zeitgenössischen Jazz oder freie Improvisationsmusik. Dinescu zeigt sich hier sehr auf der Höhe der Zeit – und wird so dem Titel dieses Stückes gerecht: Das Unerklärte, das zu ihnen kommt und bleibt. Mehr noch als je zuvor zählt das unmittelbare Klangereignis für sich. Manchmal sperrig, gewiss. Aber vor allem wirkt das Spiel der variablen Kleinbesetzungen assoziativ, ja fast improvisiert.

Inspiration aus vielerlei Quellen

Allerdings nie, ohne dass – und auch darauf ist bei Violeta Dinescu Verlass – ein dezidierter Überbau dahintersteht. Dieser Überbau speist sich aus vielerlei Quellen. Herangezogen wurde unter anderem Dantes neunter Höllenkreis, in dem der Verrat als schlimmste Sünde gesühnt wird. Rilkes Gedicht Die Insel liefert (Klang-)Bilder von existenzieller Einsamkeit. Im Zentrum des elfgliedrigen Zyklus steht der sogenannte Vuza-Kanon – ein mathematisches Kompositionsverfahren, das rhythmische Patterns ohne Überlappungen ineinanderfügt. Strenge Architektur als Bühne für klangliche Freiheit: Genau solche Paradoxe lassen Violeta Dinescu produktiv werden.

„Durch Verrat hindurch" meint auch die Überwindung, den Weg durch das Trauma. Wer die Biografie der Komponistin kennt – die unfreiwillige Emigration aus dem totalitären Rumänien, die Angst vor der Rückkehr – versteht, dass hier Persönliches mitschwingt. Die Musik sagt das Unsagbare. In den Räumen zwischen den Klängen wird, so Dinescu selbst, „das Echo des Unaussprechlichen spürbar".

Zwischen Abstraktion und Farbigkeit

Das Trio Signum um den Pianisten Sorin Petrescu, mit dem Dinescu seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, realisiert diese imaginäre Oper mit geradezu berstender Intensität. Die Balance zwischen Abstraktion und Farbigkeit, zwischen intellektueller Brechung und sinnlicher Unmittelbarkeit gelingt auf beeindruckende Weise.

Ausführliches Booklet

Ein ausführlicher Booklet-Text von Egbert Hiller reflektiert das intellektuelle Konzept dieser Komponistin mit großer Sorgfalt. Er schlägt den Bogen von Dantes Inferno über Rilkes Lyrik bis zur mathematischen Kanontheorie und ordnet das Ganze in Dinescus Biografie ein. Für alle, die tiefer in diese vielschichtigen Klangbiotope eintauchen möchten, ist die Lektüre allemal lohnend.

Stefan Pieper

pizzicato Januar 2026

Die in Bukarest geborene und seit 1982 in Deutschland lebende Komponistin Violeta Dinescu legt mit diesem Album ein Programm vor, das sie erneut als ungemein fantasievolle und zugleich tiefschürfende Komponistin zeigt, die durchaus am Puls unserer Zeit ist.

Im Zentrum des Programms steht das Stück Verrat, das in einer Klangcollage eine beklemmende Atmosphäre zwischen Schmerz, Hoffnung, Aufbruch und Zusammenbruch schafft. Klangfetzen konfrontieren den Hörer mit einem tiefen Blick in eine verletzte menschliche Seele.

Auch das übrige Programm ist eine emotionale Reise durch mysteriöse Klangwelten, wie das zarte, rhythmisch obsessionshaft formulierte ‘verwirrend-kreist’, das fragile, Einsamkeit vermittelnde Die Insel, oder, zwischen ätherisch und harsch, die einzelnen Sätze von Pfade.

Vieles bleibt unerklärt, viele Fragen werden nicht beantwortet, aber ist das nicht ein möglicher und richtiger Weg für eine Musik unserer Zeit, die die ganze Ungewissheit der politischen Entwicklungen, das Drama des Unwägbaren, die nicht unberechtigte Angst, und die genau so wenig berechtigte Gelassenheit symbolisiert?

Erwähnenswert ist auch, dass Violeta Dinescu ihre Fantasie ebenfalls durch die Verwendung ungewohnter Instrumente spielen lässt. Dazu gehört das Trăgulofon oder Kürbissax, ein Rankenkürbis, der im Banat (eine historische Region in Südosteuropa) dazu verwendet wurde, Wein aus Fässern zu ziehen, bevor es Gummischläuche gab. Im Textheft heißt es: « Dorin Cuibariu bohrte in den getrockneten, hohlen und daher resonanzfähigen Kürbis, wie bei einer Flöte, mehrere Grifflöcher und brachte das Mundstück eines Altsaxophons an. » Daneben werden die Fluier (eine im Balkanraum gebräuchliche Flöte) und die Kaval-Hirtenflöte verwendet.

Exzellente Interpretationen von total engagierten Solisten und eine in allen Hinsichten gute Tonaufnahme lassen die Musik in bestem Klang auf den Hörer wirken.

Remy Franck

 

 

  
 
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